Familie Feibusch

Diese Stolpersteine wurden am 18. Juni 2003 vor dem Haus Otto -Nagel – Straße 38 – der ehemaligen Königsstraße 38 - verlegt für Fanny, Philipp und Margot Edith Feibusch.

Sie holten uns mit Gewalt aus der Wohnung

 

Ich bin im Januar 1923 als einzige Tochter meiner Eltern in Biesdorf geboren worden. Mein Mädchenname war Margot Edith Feibusch. Beide Eltern stammten aus Rogasen, Provinz Posen, wo sie 1920 oder 1921 getraut wurden. Mein Vater hieß mit Vornamen Phillip, meine Mutter Fanny. Sie war eine geborene Alkus. Kurz nach der Heirat sind sie direkt nach Biesdorf gezogen, wo damals viel neu gebaut worden ist. Vater eröffnete eine Rohrlegerei und Klempnerei, während meine Mutter ein kleines Eisenwarengeschäft leitete.
Von April 1929 bis 1933 ging ich in Biesdorf zur Schule, dann in das Pestalozzi-Oberlyzeum nach Lichtenberg. Nach ungefähr sechs Monaten konnte ich aber als Jüdin nicht länger dort bleiben. So habe ich bis zur Auswanderung die Jüdische Mittelschule in der Großen Hamburger Straße besucht. Religionsunterricht hatte ich einmal wöchentlich in Kaulsdorf, nachher natürlich in der jüdischen Schule. Unsere Synagoge war in Lichtenberg an der Frankfurter Allee.
Bis zur Hitlerzeit war ich mit vielen Mädchen aus der Schule und der Nachbarschaft befreundet. So verbrachte ich eine angenehme Jugend. Meine Eltern haben beide fleißig gearbeitet und soviel ich weiß, waren sie in der Gegend sehr angesehen. Nach 1933 wurde es für sie geschäftlich langsam schwerer. Einige Leute hatten Angst, zu uns zu kommen, und warteten, bis es dunkel war.
In Biesdorf kannten wir auch andere jüdische Familien, unter anderem Gustav Wolff, der mit Frau und Schwester eine Drogerie betrieb. Eine Familie Schein besaß ein Sommerhaus. Frau Schein haben wir nach vielen Jahren in San Francisco getroffen. Sie ist später gestorben. Es gab außerdem noch mehrere, die in Mischehen lebten, von denen ich aber nicht weiß, was aus ihnen wurde. Vom Mord an Dr. Phillipsthal haben wir damals natürlich gehört.
Anfang Juni 1938 war eine Naziaktion in Biesdorf. Die Fenster und der Eingang wurden mit roter Farbe beschmiert: „JUDEN RAUS“. Am späten Abend kam eine Horde von jungen Männern – wahrscheinlich Hitlerjugend -, die uns mit Gewalt aus der Wohnung holten. Mit brennenden Fackeln marschierten sie – uns immer in der Mitte – durch die Straßen. Wie wir später hörten, soll eine Nachbarin die Polizei angerufen haben, die nach einiger Zeit ein Überfallkommando schickte, dass uns gerettet hat. Wir verbrachten einige Tage bei Verwandten in der Innenstadt, wo wir mitten in der Nacht angekommen waren. Kurz darauf wurden Geschäft und Wohnung in Biesdorf so schnell wie möglich aufgelöst. Wir wohnten dann zur Untermiete in Moabit bei einer jüdischen Familie.
Wenn man sich vorstellt, wie mit uns umgegangen wurde, so möchte ich nur zu bedenken geben: Mein Vater und seine zehn Brüder haben im ersten Weltkrieg in der deutschen Armee gekämpft. Ein Bruder ist gefallen. Mein Vater bekam das Eiserne Kreuz. Mit Schrecken erinnere ich mich auch an die „Kristallnacht“.
Brennende Synagogen, zerstörte und geplünderte Geschäfte habe ich selbst gesehen. Ende März 1939 war es uns mit Hilfe von Verwandten aus Amerika möglich, nach England auszuwandern. Jedoch bekamen wir nur Touristenvisa. Da man nur 10 Mark pro Person mitnehmen konnte, waren wir finanziell völlig auf die Verwandten angewiesen. Eine Arbeitserlaubnis hatten wir in England nicht.
Einige Monate nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurden meine Eltern als deutsche Staatsbürger – nunmehr feindliche Ausländer – interniert. Sie verbrachten etwa ein Jahr auf der Isle of Man in einem Camp, während ich in London bleiben konnte. Im Februar 1941 bekam ich eine Arbeitserlaubnis und fing sofort in einem Büro an. Es waren für uns schwere Jahre, auch wenn man an die nächsten Bombenangriffe denkt.
Einige Zeit nach dem Ende des Krieges beantragten wir Auswanderungsvisa nach Amerika. Das geschah mit Hilfe der dortigen Verwandten. Im Oktober 1948 haben wir in London verlassen. Mit dem Schiff ging es nach New York, dann weiter per Zug nach San Francisco, Kalifornien. Zum zweiten mal in ungefähr neuneinhalb Jahren mussten wir neu anfangen. Es war nicht leicht. Im Jahre 1955 habe ich geheiratet. Meine Mutter starb im Juli 1967 und mein Vater im Oktober 10 Jahre darauf.

Margot E. Braun
Aus „Juden in Lichtenberg“